Glossar

Implizites Wissen

Nur ein kleiner Teil des Wissens ist artikulierbar. Der große Teil liegt unter der Oberfläche.

Implizites Wissen (englisch: tacit knowledge) ist Erfahrungs- und Körperwissen, das Personen besitzen, ohne es vollständig in Worte fassen zu können. Der ungarisch-britische Wissenschaftsphilosoph Michael Polanyi prägte für dieses Phänomen den vielzitierten Satz: "Wir wissen mehr, als wir zu sagen wissen" (englisch: "We can know more than we can tell"). Implizites Wissen entsteht durch jahrelange Praxis und ist eng an die Person gebunden, die es trägt. Es lässt sich nicht einfach aufschreiben oder in ein Handbuch übertragen.

Polanyis Konzept und seine Bedeutung

Michael Polanyi entwickelte den Begriff des tacit knowledge in den 1950er und 1960er Jahren als Gegenentwurf zu einer rein propositional-sprachlichen Auffassung von Wissen. Seine Kernthese: Ein Grossteil menschlichen Wissens ist nicht explizit, sondern verköpert und situiert. Wir können Fahrrad fahren, ohne die physikalischen Gesetze des Gleichgewichts erklären zu können. Eine erfahrene Sachbearbeiterin erkennt, ob ein Vorgang korrekt ausgefüllt ist, ohne immer genau benennen zu können, was sie dabei leitet.

Für Organisationen hat dieses Konzept weitreichende Konseqünzen: Das wertvollste Wissen einer erfahrenen Mitarbeiterin ist oft genau das, was sie selbst nicht vollständig artikulieren kann. Dieses Wissen geht verloren, wenn die Person die Organisation verlässt, es sei denn, es werden gezielte Maßnahmen ergriffen, um es vorher sichtbar zu machen.

Abgrenzung zu explizitem Wissen

Explizites Wissen ist dokumentierbar und in Sprache formulierbar: Prozessbeschreibungen, Anleitungen, Handbücher, Checklisten. Es kann in Datenbanken abgelegt und von anderen gelesen werden. Implizites Wissen hingegen entsteht durch Erfahrung und ist kontextgebunden. Die Grenze zwischen beiden ist fliessend: Durch strukturierte Interviews und gezieltes Nachfragen lässt sich implizites Wissen zumindest teilweise explizieren, also in eine kommunizierbare Form überführen.

Beispiele aus der Praxis

Implizites Wissen begegnet uns überall in Organisationen:

  • Der Einkaufsleiter, der instinktiv weiß, welchem Lieferanten er vertrauen kann und bei wem er besser eine zweite Meinung einholt.
  • Die Sachbearbeiterin, die erkennt, wann ein Förderbescheid trotz formaler Korrektheit rechtlich problematisch sein könnte.
  • Der Vertriebsleiter, der den richtigen Zeitpunkt für ein Angebot spürt, ohne ihn vollständig erklären zu können.
  • Die Pflegeleitung, die aus Erfahrung weiß, welche Patienten besonderer Aufmerksamkeit bedürfen, auch wenn die Dokumentation unauffällig ist.

Methoden zur Sicherung impliziten Wissens

Klassische Dokumentationsansätze erfassen implizites Wissen nur ungenügend. Effektivere Methoden sind:

  • Strukturierte Interviews mit Vertiefungsfragen: Gezielte Nachfragen helfen, Wissen zu explizieren, das die Person selbst für selbstverständlich hält.
  • Shadowing: Beobachtung im Tagesgeschäft macht implizites Handlungswissen sichtbar.
  • Storytelling-Techniken: Narrationsbasierte Interviews fördern Erfahrungen zutage, die in Fragebogen-Formaten verborgen bleiben.
  • KI-gestützte Interviews: Systeme, die auf Antworten mit kontextbezogenen Vertiefungsfragen reagieren, können implizites Wissen besser erschließen als statische Formulare.

Bezug zu Erfaro

Erfaro ist darauf ausgelegt, implizites Wissen sichtbar zu machen. Das strukturierte Interview mit bis zu 34 Fragen, kombiniert mit KI-generierten Vertiefungsfragen, die jeweils manuell bestätigt oder abgelehnt werden, schafft einen Rahmen, der auch schwer artikulierbares Erfahrungswissen zugänglich macht. Das Ergebnis ist ein Wissensarchiv, das Nachfolger im Onboarding und im Tagesgeschäft nutzen können. Erfahren Sie mehr über den Wissenstransfer beim Mitarbeiteraustritt.

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Häufige Fragen

Was ist implizites Wissen?

Implizites Wissen ist Erfahrungs- und Körperwissen, das Personen besitzen, ohne es vollständig in Worte fassen zu können. Michael Polanyi beschrieb es mit dem Satz: Wir wissen mehr, als wir zu sagen wissen.

Was ist der Unterschied zwischen implizitem und explizitem Wissen?

Explizites Wissen ist dokumentierbar und in Sprache formulierbar, zum Beispiel in Handbüchern, Prozessbeschreibungen oder Anleitungen. Implizites Wissen entsteht durch Erfahrung und Praxis und ist schwer oder gar nicht vollständig zu verbalisieren.

Wie kann implizites Wissen gesichert werden?

Strukturierte Interviews mit gezielten Vertiefungsfragen, Shadowing, Wissensstafetten und KI-gestützte Interviewsysteme helfen dabei, implizites Wissen zumindest teilweise sichtbar und für Nachfolger nutzbar zu machen.